Leseprobe 2 MADALENA

copyright Susanne Pilastro

(...)

„Hier ist die Gästeliste.“ Mutter legte mir zwei Blatt Papier auf den Sekretär. „Sieh sie dir genau an. Ich habe alle Frauen mit ledigen Söhnen unterstrichen. Damit es nicht zu offensichtlich ist, habe ich natürlich noch andere Frauen eingeladen; deren Namen findest du in Klammern; es ist gut zu wissen, mit welchen Müttern wir sprechen und mit welchen wir nur höfliche Konversation betreiben werden.“
„Finden Sie nicht…“ Einen Versuch, meine Bedenken anzubringen, war es wert.
Doch Mutter ließ mich gar nicht zu Wort kommen. „Keine Angst. Du wirst dich amüsieren.“

Am späten Nachmittag, es blieben noch etwa drei Stunden bis zum Beginn der Gesellschaft, kehrte sie in mein Zimmer zurück, diesmal um mich zu begutachten. Ihr prüfender Blick, den ich gut aus vergangenen Jahren in Erinnerung behalten hatte, glitt über mein Äußeres und fand genug Beanstandungen, die sie natürlich nicht für sich behielt.
„Das Kleid ist zu eng. Wieso hast du das blaue angezogen? Ich habe doch das lindgrüne herausgelegt.“
„Mir gefällt dieses hier besser“, erklärte ich.
„Das andere betont deine Taille.“
„Ich passe nicht hinein.“
Mutter drückte mit ihrem spitzen Finger in meine Seite. „Du trägst kein Korsett!“, empörte sie sich.
„Ich habe auch nicht vor, eines zu tragen“, antwortete ich trotzig.
„Vergiss nicht, dass du jetzt zwanzig bist und kein Jungbrunnen mehr. Natürlich wirst du dich schnüren.“ Eine Lydia Lamberti Fuscé, die es sich in den Kopf gesetzt hatte, dass ihre Tochter sich in Fischbein zwängt, würde keinen Widerspruch dulden.
Das wusste ich, schluckte meine Kampfeslust hinunter und fügte mich. „Können Sie mir Ada holen?“
„Papperlapapp. Ada hat anderes zu tun. Ich kann dir auch helfen.“ Zielstrebig ging sie um mich herum und begann, die Knöpfe und Ösen meines Kleides zu öffnen. Die Begutachtung meines Körpers bekam mit dessen Freilegung eine neue Dimension.
„Deine Haut ist grau. Aber warum wundert mich das? Du verlässt ja so gut wie nie das Haus. Man muss sich ja nicht gleich die noble Blässe ruinieren – aber frische Luft hat noch nie geschadet! Und überhaupt: Wie ernährst du dich eigentlich?“
Verdrossen schloss ich die Augen und bemühte mich, die Worte meiner Mutter zu ignorieren. Die endlosen Aufzählungen der Vorzüge, über die mein Körper offenbar nicht verfügte, rauschten an mir vorbei. Mutter hatte mittlerweile das Folterinstrument um meine Taille gelegt und damit begonnen, die Schnüre festzuziehen. Mit Mühe blieb ich standfest und hörte dem Ächzen hinter mir zu; es war offensichtlich anstrengend. „Wollen wir nicht vielleicht doch Ada holen?“, schlug ich zaghaft vor.
„Nein, es geht schon“, presste Mutter zwischen den Zähnen hervor. „Stell dich ans Bett und halte dich fest.“
Stumm gehorchte ich und heftete meinen Blick auf den Stoff des Betthimmels, der erzitterte, wenn ich, die Säule des Holzgestells umklammernd, das Gleichgewicht zu verlieren drohte. Das Fischbeingerüst umschloss meine Körpermitte mehr und mehr, bis Mutter endlich von mir abließ. „So“, triumphierte sie. „Jetzt noch das Kleid und du bist fertig.“
Es stimmte: Ich passte in den Traum aus lindgrüner Seide und weißem Musselin. Die Frage, ob ich auch atmen dürfe, behielt ich besser für mich. Artig nickend machte ich einen angedeuteten Knicks (zu mehr wäre ich auch gar nicht im Stande gewesen) und bedankte mich: „Sie haben sicherlich noch einiges zu tun, Mutter, und ich möchte Sie nicht aufhalten.“
„Du hast recht. Ich werde sehen, ob im Erdgeschoss alles gerichtet ist.“
Und Sie werden die hinrichten lassen, die Ihrem Befehl nicht Folge geleistet haben, schob ich still für mich nach.
Kaum dass ich wieder alleine war, stürmte ich aus dem Zimmer und machte mich auf die Suche nach irgendeiner Frau in diesem Haus, die mir die Schnüre wieder etwas lockern würde. Doch alle Dienstmädchen sahen mich verschreckt an oder gingen mir schon aus dem Weg, bevor ich sie überhaupt ansprechen konnte.

Meine Rettung war Rosalinda, die sich schon vor dem ersten Gast in unser Haus gestohlen hatte.
„Hilf mir!“, keuchte ich atemlos. „Ich ersticke, wenn ich noch eine Sekunde länger in diesem Ding stecken muss.“
„Ein Wunder, dass du noch ganz bist“, bemerkte Rosalinda trocken. „Da hat es deine Mutter wohl ein bisschen zu gut gemeint. – Passt es so?“

(...)

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