Wichtelgeschichte 2011

Jedes Jahr an Weihnachten bewichteln sich die User des Frasers Ridge - eine Communitiy, die ihre Anfänge in dem gemeinsamen Interesse an Diana Gabaldons Bücher hat. Alle genannten Wunschtitel werden von mir regelmäßig in eine "Wichtelgeschichte" gepackt - so auch dieses Jahr.

Copyright: Susanne Pilastro
ERBARMEN – DER ERSTE FALL VON CARL MORCK

Inspector Carl Morck, saß gerade an seinem Schreibtisch im Metropolitan Police Service und rührte gedankenverloren mit einem zerkauten Holzstäbchen in seinem Schokoccino. DER DUFT VON SCHOKOLADE mit einem Hauch kolumbianischen Arabica-Kaffees stieg ihm in die Nase und er seufzte. Seit Monaten observierten sie nun schon die Tempeltons aus der LIVERPOOL STREET im District East One, doch die Beobachtungen hatten für eine Verhaftung nicht ausgereicht. Es war Morcks erster Fall als Inspector und er hatte gehofft, ein schnelles Ergebnis liefern zu können. Doch die vielen Frauen-Morde, die offenbar auf das Konto der britischen Familie mit italienischem Migrationshintergrund gingen, konnten ihnen bis heute nicht nachgewiesen werden. Was für ein GEHEIMES SPIEL trieben sie? Hatte er etwas übersehen?
Er stand auf und stellte sich vor die große Pinnwand, an der acht mit schwarzem Edding auf giftgrünes DinA5-Papier geschriebene Buchstaben aneinandergereiht das Wort „ERBARMEN“ ergaben. Darunter waren mit Reißzwecken vier Portraitaufnahmen bildhübscher Frauen befestigt, die jede für sich die Spitze einer Clusteranalyse bildeten. Mit Stecknadeln befestigte Bindfäden führten in die jeweils nächste Unterebene: ein Foto der toten Version des Opfers. Von hier aus verzweigten sich die Fäden wie die Wurzeln eines Baumes, an deren Ende sich zahlreiche Post-it unterschiedlicher Größen und Formen befanden, beschrieben mit ettlichen Infos, die sich die Monate angesammelt hatten.

Das Bild des ersten Cluster zeigte Lady Helena. LADY HELENAS GEHEIMNIS war, eine SPIONIN DER KRONE mit dem Decknamen KÖNIGIN DER SEIDENSTRASSE gewesen zu sein. Man hatte sie tot in ihrem Bett gefunden – erstickt an etwas, was sich bei den forensischen Untersuchungen als Teerückstände entpuppt hatte.

Das zweite Opfer war Miss Miranda, die mit seligem Blick am Ufer des Virgin River gefunden worden war – offenbar gestorben in einem Moment der Verzückung; es war beinahe so, als lächelte sie – doch worüber? DAS GEHEIME TAGEBUCH DER MISS MIRANDA, das man später in ihren Räumlichkeiten hatte, strotzte nur so von kitschigem Inhalt wie „ICH HAB DICH IM GEFÜHL“, „UNVERGESSEN WIE DEIN KUSS“, „Es ist, als befände ich mich in einem WIRBELSTURM DER LIEBE“ und „ICH SCHREIBE DIR MORGEN WIEDER“. Dass es sich bei Miranda offenbar um EINE SKANDALÖSE BRAUT handelte, wurde deutlich aus ihrem im Tagebuch niedergeschriebenen Wunsch nach einer „Ménage a cinque“: „SAM, DIE BEATLES UND ICH – das wäre doch eine mir wohlgefallende MAGISCHE VERFÜHRUNG.“ Ließ das Schlüsse auf ihren Tod zu?

Inspector Morck schüttelte den Kopf, um das ihm unangenehme Kopfkino aus seinen Gedanken zu bekommen.

Das dritte Bild zeigte die Hebamme Erna. DER FLUCH DER HEBAMME war ihr schlechter Ruf gewesen. Man sagte ihr nach, sie betreibe MAGIE, würde als KRÄHENWEIB des Nachts AUF LAUTLOSEN SCHWINGEN kommen und Neugeborene stehlen. Eine Leiche von Erna gab es nicht – lediglich einen Haufen Asche, denn sie war elendiglich verbrannt in einem Feuer.

Auf dem vierten Bild war Alice abgebildet, die sogenannte MADONNA VON MURANO. Bei ihr war man sich noch nicht sicher, ob sie ein Mordopfer war. DIE WAHRHEIT ÜBER ALICEs Tod musste noch ermittelt werden, denn auf den ersten Blick sah es nach Selbstmord aus. Die VOLLE WAHRHEIT war, dass DIE SCHLÜSSELTRÄGERIN des fünften Ordens tot aus dem Fluss gefischt worden war. DIE TOCHTER DES GERBERS hatte ein Medaillon um den Hals gehabt, in dem eingraviert stand: „JESUS LIEBT MICH“. Beim Öffnen des Schmuckstückes war ein kleine Zettel gefunden worden mit den Worten: „Sein HERZ AUS EIS ist mein Untergang, aber ICH BLICKE NICHT ZURÜCK“.

In Gedanken versunken kehrte Inspector Morck zu seinem Schreibtisch zurück und griff zu der Akte, die vor ihm lag. Wieder ließ er den Blick über die vielen Papiere schweifen. Dabei wäre es nicht nötig gewesen: Carl kannte die Einträge mittlerweile auswendig:

Da gab es MOTTE, auch bekannt als DER VOLLSTRECKER. Seinen Cousin Bill DER MINNESÄNGER, nannten alle hinter vorgehaltener Hand wegen seiner hohen Stimme DER KASTRAT (Er hatte den Roman „MEINE BRÜDER, DIE LIEBE UND ICH“ vielleicht nicht so ernst nehmen sollen; bei Bills Brüdern war das gar nicht gut angekommen…). Der dritte Tempelton war Sam, ein Adoptivsohn aus Schottland, der auf der Flucht vor DEN REBELLEN VON IRLAND in London gelandet war; seine Herkunft hatte ihm den Spitznamen DER VERBANNTE HIGHLANDER eingebracht. Und nicht zuletzt war da Cal Tempelton, eigentlich Calogero Stampella, Deckname DER SEELENHÄNDLER, Oberhaupt der Tempeltons und Besitzer des KRISTALLPALASTs in der LIVERPOOL STREET.

Der Inspector starrte mit düsterem Blick ins Leere. Es war zum Verzweifeln. Die toten Frauen waren – bis auf eine Ausnahme – entweder Wasserleichen gewesen oder ein Haufen Asche. SPURENSUCHE MIT DEM HUND war da vollkommen zwecklos, wie Morck sich mutlos eingestehen musste.

Während dessen trafen sich jenseits der Themse DIE MÖRDERISCHE TEERUNDE zu einem ihrer DINNER FÜR DREI. Gleich hinter dem TOTENACKER befand sich DER VERBORGENE GARTEN. Dort graste im SCHATTEN eines Affenbrotbaumes, den Cal extra hatte importieren lassen, DER FÜNFTE ELEFANT mit seinen LANGEN ZÄHNEN. Zu seinem linken Fuß lag PANTOUFLE – EIN KATER VOM SEE.
„WO DAS GLÜCK ZU HAUSE IST“ stand in eingebrannten Lettern über der Tür der majestätisch wirkenden Laube. Wenn man sie gerade zu dieser nasskalten Jahreszeit betrat, hießen einen die im Kamin flackernden Flammen Willkommen. Der DRACHENLÄUFER vor der Feuerstelle gab dem Raum etwas Heimeliges; er machte ihn zu einem Ort, an dem man gerne verweilte und Morde plante. Denn das war es, was in diesem Raum in der immer gleichen, kleinen Runde bestehend aus Motte, Bill und Sam, geschah: Die Terminierung von Auftragsmorden.

Doch heute waren sie nicht zusammen gekommen, um die Einträge ihrer Moleskin-Notizbücher aufeinander abzustimmen... Nein, heute ging es um etwas ganz anderes:
„Ich glaube, Cal treibt es mit meiner Frau!“, äußerte sich Motte vorwurfsvoll.
„Meine verweigert sich mir auch in letzter Zeit“, grummelte Sam. „Dabei habe ich mir extra ‚STEAMED‘, das neue Deo von ‚HERBSTPRINZ‘ gekauft!“
„RUHIG BLUT“, suchte Bill seine Komplizen mit flötender Stimme zu beruhigen.
Doch das wollten die beiden nicht hören. „Du hat gut reden. Den Hintern deines Egisto wird Cal wohl kaum anrühren“, blaffte Motte.
„TOTE PATEN KÜSSEN BESSER“, knurrte Motte plötzlich und Stille legte sich über das Trio. Wenig später krähte der Kuckuck aus seiner Schwarzwälder Uhr sechs Mal und beendete die Teestunde. Da hatten die drei Männer schon längst die nächste Operation geplant…

Wenige Tage später erhielt Cal einen Brief, direkt an ihn adressiert.
„Du GOLDSTÜCK“, las er sich selbst vor. „Ich weiß, du wolltest eine Auszeit, doch ich kann ohne Dich nicht leben. Bitte, komm doch vorbei auf ein SAHNEHÄUBCHEN. Es soll Dir nicht zum Nachteil gereichen. Kuss – DIE UNGEHORSAME“ Nachdenklich hielt Cal inne. Wer mochte das geschrieben haben? Er las weiter: „Rot wie BLUT UND SILBER wie der Mond werden wir sein, du und ich.“ Ach, das konnte nur Sams irische Freundin sein; ihr rotes Haar glich dem warmen Rot eines vollmundigen Weines und es reizte Cal, dass sie ihn, den Alten mit den weißen Haaren, einlud. Ob sie mit SAHNEHÄUBCHEN ihre kleinen, weißen Brüste meinte, die ohne Schwierigkeiten seine Hand ausfüllten?

Zeitgleich erreichte ein anonymer Tipp den Metropolitan Police Service. „Kommen Sie zur Wandsworth Bridge. Der Adler verließ den Horst und ließ sich nieder zum Trinken.“ Morck hatte alles stehen und liegen lassen und war mit Blaulicht gen Westen gefahren. Und als wäre Weihnachten, Ostern und Geburtstag zugleich, lag dort Calogero Stampella. Mausetot. In seiner linken Hand hielt er einen Brief. „Ich will es halten getreu dem Motto: SO SOLLST DU SCHWEIGEN“, stand dort. Und weiter: „Betrachtet mich als AUSGELÖSCHT.“ Doch was Morck vielmehr interessierte, war der Flyer, den man in der Innenseite von Cals Mantel fand.

„Sie sind Ihrer Alten überdrüssig geworden? Sie suchen einen Profi zur Entsorgung? Sie haben mich gefunden! Wählen Sie aus einer Vielzahl von Paketen:
1. HAPPY END IN VIRGIN RIVER (Wasserleiche mit glücklichen Gesichtszügen),
2. DIE LUDWIGVERSCHWÖRUNG (Wasserleiche, die nach Selbstmord aussieht),
3. FEUER DER VERGELTUNG (bei dem man nachher UNTER DER ASCHE liegt – seiner eigenen wohlgemerkt) und
4. LONDON KISSES (Erstickung durch Knebel mit Teebeuteln)
Buchen Sie mich und Sie werden sich angenehm befreit fühlen.“

Inspector Morck starrte auf den Flyer mit Wickelfalz und konnte es nicht fassen. Hier hatte er ihn, den letzten Beweis. DAS GEHEIME VERMÄCHTNIS dieses kriminellen Mafioso. Schade nur, dass er zu tot war, um ihn zu verhaften. Doch immerhin konnte er nun der Presse mitteilen, dass Londons Frauen wieder ruhig schlafen konnten. Denn er war abgeschlossen, Morcks erster Fall.


Weitere Kommentare dazu hier: Wichtelgeschichte 2011

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